Tirol ist Klassenbester. 1 Jahr Deutschkurse für Asylwerbende in Tirol – Resümee und Ausblick

Bericht zum Erfolg von GemNova von Tirol TV

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GemNova, ein 100 % Tochterunternehmen des Tiroler Gemeindeverbandes hat Ende 2015 die Ausschreibung für die Durchführung der Deutschkurse für AsylwerberInnen im Auftrag der TSD (Tiroler Soziale Dienste GmbH) und des Landes Tirol erhalten.

Eine Recherche von SOS Mitmensch zu den Deutschkursangeboten für Asylsuchende hat frappierende Unterschiede zwischen den Bundesländern zu Tage gefördert. Tirol ging aus der Studie als Klassenbester hervor. Dies gibt den Anlass Resümee über ein Jahr Deutschkurse durch GemNova zu ziehen und einen Ausblick in die Zukunft zu machen.

LRin Baur sieht das Erlernen der Sprache als zentralen Punkt in der Integration von AsylwerberInnen: „Miteinander sprechen zu können ermöglicht Begegnung und Sprache ist immer eine Kulturvermittlerin. Das Erlernen der deutschen Sprache ist daher das A und O für die Integration und das Fuß fassen in unserer Aufnahmegesellschaft – es ist sowohl für die Bewältigung des Alltags wie auch für eine berufliche Zukunft essentiell. Wir können sehr stolz darauf sein, dass wir in Tirol über ein flächendeckendes Angebot an qualitativ hochwertigen Deutschkursen verfügen, das ab der Ankunft in unserem Land in Anspruch genommen werden kann. Die Zeit ihres Asylverfahrens können zugewanderte Menschen nutzen, um erste Integrationsschritte zu setzen – dies gibt ihnen eine Tagesstruktur und ermöglicht ihnen den Kontakt zu Land und Leuten.“

RESÜMEE 2016 – SOS Mitmensch Studie
Aus dem Bewusstsein für die zentrale Funktion der Sprache heraus, ist es wichtig, ein flächendeckendes Deutschkursangebot für Asylsuchende zu schaffen. Tirol hat daher 2015 einen Masterplan ausgearbeitet und 1,6 Mio. Euro aus Landesmitteln dafür bereitgestellt. Mit der GemNova wurde ein Partner gefunden, mit dem das Land das österreichweit beste Angebot stellen kann.

Zum Zeitpunkt der Befragung hatten noch 82,5 % der Tiroler Asylwerbenden Zugang zu den Deutschkursen, was schon den Spitzenplatz im Bundesländervergleich bedeutet hat, inzwischen wird bereits das Ziel einer 100%igen Abdeckung erreicht.

Einziger Kritikpunkt der Studie am Tiroler Modell war die geringe Kursintensität. Die in der Studie angegebenen 3-4 Stunden pro Woche sind allerdings nur die halbe Wahrheit: Die unzähligen freiwillig geleisteten Stunden der Tiroler SprachbegleiterInnen sind darin nicht enthalten. Diese erhöhen jedoch die Wochenstundenanzahl beträchtlich.

„Wichtig ist mir vor allem, dass die Deutschkurse für alle zugänglich und ohne Wartezeiten in Anspruch genommen werden können“, so LRin Baur. In der Studie wird dieser Punkt besonders positiv hervorgehoben. Aufgrund der Organisationsform eines „durchlaufenden“ Angebots in Tirol ist ein Kurseinstieg jederzeit möglich und es gibt so gut wie keine Wartezeiten. Zum Vergleich: In Vorarlberg warten Asylwerbende sechs bis sieben Monate auf den Zugang zu einem Deutschkurs.

Ein wesentliches Kriterium für die Untersuchung war auch das Bestehen eines Masterplans, der ein koordiniertes, zielgerichtetes und messbares Arbeiten ermöglicht. Mit dem von der GemNova erarbeiteten Gesamtkonzept können in Tirol – im Gegensatz zu manch anderem Bundesland – landesweit einheitlich hohe Standards geboten werden, die neben dem Einsatz bestens ausgebildeter und erfahrener Fachkräfte auch speziell konzipierte Lernmaterialien und über den reinen Spracherwerb hinausgehende Integrationsprojekte umfassen. Auch die Koordination der Lerninhalte in den Kursen mit jenen der ehrenamtlichen SprachbegleiterInnen ist in diesem Konzept enthalten und es wurde mit der DeutschPlusBox sogar ein die Kurse perfekt ergänzendes Materialienpaket für ehrenamtliche HelferInnen geschaffen.

GemNova wurde 2010 durch den Tiroler Gemeindeverband, mit der Aufgabe Service- und Dienstleistungen für Tiroler Gemeinden zu erbringen, gegründet. Im Dezember des letzten Jahres konnten nun die neuen Räumlichkeiten im „Haus der Gemeinden“ bezogen werden. GemNova beschäftigt zwischenzeitlich 150 MitarbeiterInnen und arbeitet in den Bereichen Beschaffung und IKT, Infrastruktur, Recht, Pflege, Bildungspool sowie Deutsch und Integration. GemNova betreut nahezu 100 % aller Tiroler Gemeinden.
Über GemNova werden jährlich mehr als 100 Mio. Euro Volumen abgewickelt. Dabei bleiben 98 % dieses Volumens in Tirol. Neben der Steigerung der Qualität bei diversen Projekten spart GemNova den Tiroler Gemeinden jährlich zwischen 8 und 10 Mio. Euro.

Mag. Ernst Schöpf: „Es erfüllt mich natürlich persönlich mit Stolz, dass GemNova als Quereinsteiger in dieses Thema „Deutschkurse für AsylwerberInnen“ bereits nach einem Jahr in einer österreichweiten Studie mit dem ersten Platz geadelt wird.“ Dies zeigt, dass der Weg, den das Land Tirol eingeschlagen hat, richtig ist und auch Früchte trägt. „Mit einem Budget von 1,6 Mio. Euro pro Jahr“, so Schöpf weiter, „wird direkt die heimische Wirtschaft unterstützt und es wurden damit 80 Arbeitsplätze in Tirol geschaffen.“ Dabei handelt es sich um ein internes Team und über 70 hochqualifizierte LehrerInnen, die sich gemeinsam neben Kursausbau und der Kursorganisation, auch um ca. 1.000 Ehrenamtliche kümmern, eigenes Material für Haupt- und Ehrenamtliche entwickeln, über 500 ÖSD Prüfungen pro Jahr abwickeln und Integrationsmaßnahmen erarbeiten und umsetzen.

Bei Start des Projektes mit Jänner 2016 gab es an 39 Standorten 140 Kurse mit 23 LehrerInnen und 408 Unterrichtsstunden pro Woche. Das Angebot konnte in diesen 12 Monaten so ausgeweitet werden, dass nun an 166 Standorten (+ 315 %), 216 Kurse (+45 %) mit 70 LehrerInnen (+204 %) und 877 Unterrichtsstunden pro Woche (+115 %) geleistet werden. Durch diese massive Steigerung ist es gelungen, 100 % der AsylwerberInnen in Tirol die Möglichkeit zur Teilnahme an Deutschkursen zu bieten (bei Erstellung der Studie von SOS Mitmensch war dieser Wert noch bei 82,5 %).

Alois Rathgeb, GemNova: „In der Studie wurden die vielen Stunden der Ehrenamtlichen nicht erfasst da diese derzeit nicht verfügbar sind. GemNova hat eine österreichweit einzigartige Softwarelösung entwickelt um für jede/n AsylwerberIn die genauen Daten, wie Anwesenheiten, Kursniveaus, Prüfungen usw. zu dokumentieren. Diese Daten gibt es nun rückwirkend seit Juli 2016 für alle hauptamtlichen Kurse. Plan ist es für 2017, zusätzlich dazu die Kurse der Ehrenamtlichen zu erfassen, um auch diese so wertvolle Arbeit sichtbar zu machen. Damit erhält jede/r AsylwerberIn eine Dokumentation und auch einen „Akt“ der für weitere Maßnahmen (Arbeitssuche, weitere Kurse über AMS, BFI usw.) als Grundlage herangezogen werden kann.“

GemNova Deutsch und Integration hat im Jahr 2016 ca. 1000 ehrenamtlich tätige Personen in unterschiedlicher Form betreut und unterstützt: Neben Kurzlehrgängen, Workshops, Informationsveranstaltungen, Vernetzungstreffen und vielen Einzelkontakten steht man in regem Austausch mit verschiedenen Freiwilligeninitiativen und Freundeskreisen. Die Ehrenamtlichen werden nicht nur mit Know-how, sondern auch mit Sachspenden und vor allem mit Lernmaterialien unterstützt – allen voran mit der DeutschPlusBox. Das ist eine Sammlung an Lern- und Übungsmaterialien, die inhaltlich auf die Kurse abgestimmt sind und es so ermöglichen, gezielt „an einem Strang zu ziehen“ und koordiniert am Lernfortschritt der Asylwerbenden zu arbeiten. Über 100 solcher Materialpakete wurden ausgewählten Freiwilligeninitiativen kostenlos zur Verfügung gestellt und über eine Internetplattform werden sämtliche Inhalte der Box kostenfrei zum Download angeboten.

Weitere DeutschPlusBoxen zu neuen spannenden Themenbereichen sind derzeit in Arbeit. In Planung ist außerdem ein noch breiteres Aus- und Fortbildungsangebot für ehrenamtliche SprachbegleiterInnen. LRin Baur bestärkt: „Die Integrationsangebote und Deutschkurse werden laufend weiterentwickelt, um gezielte Sprachvermittlung anzubieten. Es gibt natürlich immer noch Verbesserungsmöglichkeiten. Doch Ergebnisse wie die Studie von SOS Mitmensch bestärken uns, die eingeschlagene Richtung weiterhin zu verfolgen.“

Auch Dr. Georg Mackner von TSD freut sich über das Ergebnis: „Im Sinne unserer Klientinnen sind wir genauso wie unser Partner stolz auf dieses erreichte Zwischenziel. Es ist weiterhin notwendig nach vorne zu blicken und das Angebot zu entwickeln. Mit der innovativen Tatkraft der GemNova wird dies gelingen.“

AUSBLICK 2017 – Schwerpunkte
Nachdem 2016 der Schwerpunkt auf dem Ausbau des Angebotes gelegen hat, liegen die Schwerpunkte für 2017 in den folgenden Bereichen:
Weitere Motivation der AsylwerberInnen zur Nutzung des Kursangebotes
Dazu gibt es in Kürze eine Plakatkampagne und Flyer in unterschiedlichen Sprachen, welche die Wichtigkeit des Erlernens der deutschen Sprache herausstreichen.

Ehrenamtsbetreuung und -Unterstützung
Die Unterstützung und Betreuung der Ehrenamtlichen als eine wesentliche Säule zur Einübung und Vertiefung der Lerninhalte aus den hauptamtlichen Kursen, die Vernetzung der Ehrenamtlichen und das Schnüren von Aus- und Weiterbildungsangeboten in Verbindung mit Lehrmaterialien wird einen wesentlichen Schwerpunkt in der Arbeit im Jahr 2017 darstellen.

Schwerpunkt Deutsch und Integration:
Nach dem großen Erfolg des Theaterprojekts mit AsylwerberInnen und Einheimischen im Herbst 2016 wird dieses 2017 weitergetragen und -entwickelt. Geplant sind Aufführungen an Tiroler Schulen inklusive einer Didaktisierung des Stückes und dazugehöriger Unterrichtsmaterialien. Mittels dieser können dann an den teilnehmenden Schulen Projekte und Workshops mit dem Ziel der Bewusstseinsbildung und Rassismusprävention umgesetzt werden.

Ausblick Kursmaterialien (Modul Leben in Österreich, Modul Gesellschaft und Beziehungen)
„Das von GemNova entwickelte Unterrichtsmaterial ist modular und themenzentriert aufgebaut. Das hat zwei große Vorteile: Zum einen den direkten Bezug zur Lebensrealität der Lernenden – und damit größere Effizienz und eine höhere Motivation; zum anderen die größere Flexibilität und Möglichkeit zum niveauübergreifenden Lernen.
„Nachdem 2016 die ersten beiden Module zu den Themen „Gesundheit und Medizin“ sowie „Natur und Umwelt“ erfolgreich eingeführt wurden, folgen 2017 die Module „Leben in Österreich“ und „Gesellschaft und Beziehungen““, so Alexa Leitner von GemNova abschließend.

Mag. Alexa Leitner, GemNova Deutsch und Integration, Alois Rathgeb, GemNova Geschäftsführer, Mag. Ernst Schöpf, Präsident Tiroler Gemeindeverband, Landesrätin Dr. Christine Baur, Dr. Georg Mackner (v.l.n.r.) beim Pressegespräch am 26.01.2017.

Foto: Franz Oss

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